Regine Kuschke
 

 

Über Regine Kuschkes Bilderserie der Kampfhunde
von Dr. Peter Funken


Der Hund ist dem Menschen ein besonderes Wesen – gerne bezeichnet man ihn als seinen „besten Freund“, und so ist er als Blindenhund ein unentbehrlicher Helfer, als Rettungs- und Sanitätshund, als Jagd-, Hüte-, Such- oder Wachhund ein williges Arbeitstier, immer in seiner Nähe.
Neben solchen Gebrauchshunden und den Mode- und Luxushündchen, kennen wir auch so genannte Kampfhunde – Pitbulls, Mastiffs und Kangals, allesamt Tiere, die scharf gemacht, so gefährlich sind, wie Waffen. Was Kampfhunde für manche Menschen attraktiv macht, ist ihre Aggressivität und ungehemmte Beißlust. Ehedem als Jagdhunde für die Löwen- oder Bärenhatz gezüchtet, besitzen sie erstaunliche Kraft und Angstlosigkeit. Diese Hunde sind natürlich nicht an sich böse oder schlecht, vielmehr macht erst die ihnen vom Menschen andressierte Aggression sie unberechenbar und gefährlich. Hunde – so kann man sagen - sind in fast jede Richtung formbar, dennoch bleibt ein unkalkulierbarer animalischer Rest.

Der vom Menschen gezüchtete, von ihm abhängige Hund, egal welcher, spiegelt gesellschaftliche Bedürfnisse. Der abgerichtete Kampfhund verweist dabei auf fragwürdige Bedürfnisse nach Macht und Potenz. Er ist geradezu ein Fetischobjekt, das stellvertretend für die eigene Schwäche stark und aggressiv ist.
Die Serie gemalter Hundeporträts der Berliner Künstlerin Regine Kuschke zeigt in den Techniken von Temperamalerei und Zeichnung ausschließlich Kampfhunde – dargestellt aus großer Nähe und im Ausschnitt, wie manchmal ebenfalls aus der Distanz und in lebensnaher Aktion. Die Arbeiten stellen uns die Tiere oft in den Nahaufnahmen wie Persönlichkeiten oder Typen vor, weitere Bilder zeigen sie in Aktion, etwa beim Kampf oder beim Geschlechtsakt.
All diese Hundedarstellungen zeugen von einer intensiven künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Sujet, das in Regine Kuschkes Malerei durchaus ambivalente Züge annimmt, denn ihr Interesse scheint zwischen Zuneigung zu den Geschöpfen, einer gewissen Angstbesetzung, Neugierde und Bewunderung zu oszillieren.
Bei den ausschnitthaften Porträtdarstellungen kommt man den Tieren äußerst nah, fast zu nah, und erkennt dann vor allem ihre hechelnde Mäuler, das kräftige Gebiss oder die dunklen Augen, die einen manchmal fixieren. Man begegnet diesen Kampfhunden dann so unmittelbar, wie es normalerweise nur ihre Besitzer tun oder diejenigen, die ihnen zum Opfer fallen.

Die Spannung und Kraft der Kunst Regine Kuschkes beruht in Hinblick auf eine Deutung der Hundebildnisse dann vor allem in der Mehrdeutigkeit und Unentscheidbarkeit bei den Darstellungen. Unterschwellig fordern diese Bildnisse eine Positionierung von den Betrachtern, denen die Künstlerin eine Frage vorgelegt, die davon handelt, ob man Kampfhunde eher ängstlich oder aber zugewandt und interessiert wahrnimmt. Ihre Darstellung scheint unwillkürlich zu polarisieren. Somit wird das ambivalente Verhältnis, das in unserer Gesellschaft gegenüber Kampfhunden besteht, auch bei Regine Kuschkes Hundeserie zum wichtigen Thema, das die meisten Betrachter ernst nehmen und subjektiv beurteilen. Sodann stellt sich beim Anschauen der Hundeköpfe die Frage nach der Illusionskraft von Bildern und der Identifizierung mit dem Sujet. Objektiv betrachtet handelt es sich bei all diesen Kampfhunddarstellungen um Malerei, um malerische Annäherungen an ein Motiv – keineswegs um reale Kampfhunde.
In diesem Zusammenhang soll erwähnt sein, dass der Mensch stets ein Illusionen schaffendes und illusionsgieriges Wesen ist, das sich mit Bildern umgibt, um durch sie in Kontakt mit sich, mit Geschichten, Vorstellungen, Fantasien oder Wahrheiten zu geraten. Insbesondere Bilder von nicht eindeutiger Aussage, also Bilder deren Bedeutungshintergrund und Kontext offen bleibt wie im Fall der Kampfhundporträts, bewirken, dass Betrachter auf diese ihre subjektiven Vorstellungen beziehen, also Projektionen ins Spiel bringen – ganz gleich, ob es sich dabei um angstvolle oder anerkennende Gefühle handelt. Meist tappt man bei solchen Projektionen in selbst gestellte Fallen, das heißt, man bestätigt eigene Vorurteile. An dieser Stelle setzt die Porträtmalerei Regine Kuschkes ein und führt dabei unser, immer wieder fragwürdiges System von Wahrnehmung, Spiegelung und Projektion konsequent vor Augen, denn tatsächlich kann man sich zu den aus der Nähe, lebensgroß gemalten Hundegesichtern – wie auch zu den anderen Darstellungen – nur im geringen Umfang sinnvoll äußern, denn man kann nicht wirklich beurteilen und entscheiden, ob die Kampfhunde gerade lieb und brav sind oder geladen und bereit zum Angriff. Solches entzieht sich unserer Kenntnis und gehört demnach in den Bereich der Spekulation und Projektion.

Bei der Serie der Porträts handelt es sich um gut gemachte realistische Malerei, die sanft gleitend oder treffsicher zupackend, die Erscheinung der Tiere, die Farbe und Textur von Fell oder Lefzen, die Feuchtigkeit der Nase oder den Glanz der Augen erfasst. Erst aufgrund dieser künstlerischen Präzision kann eine glaubwürdige Vorstellung und somit eine Illusionskraft in den Bildern entstehen, die Anlass zur Debatte gibt und Fragen über die Verwicklung zwischen Dargestelltem und Wahrnehmenden aufwirft.

Die Vorlagen für Regine Kuschkes Hundedarstellungen sind Fotos und Stills aus Filmen, die von der Künstlerin bearbeitet wurden, etwa indem sie Bildausschnitte auswählte und in Malerei umsetzte, sodass eine solche Nähe und Unmittelbarkeit bei der Begegnung mit den Kampfhunden entstehen kann. Die Künstlerin bedient sich dafür eines Bilderfundus, der in der Öffentlichkeit entsteht und ihr zugängig ist – etwa bei You Tube – es ist ein Fundus, der so etwas wie ein allgemeines Gedächtnis darstellt. Über dieses populäre, meist unreflektiert wahrgenommene Bilderrepertoire reflektiert Regine Kuschke bei ihrer Hundeserie im Medium Malerei. Das bedeutet, sie übersetzt und transformiert das allgemein zugängliche Bildmaterial in eine persönliche Form, die ausgestellt wieder öffentlich wirkt.
Man kann also sagen, die gemalten Hunde Regine Kuschkes sehen uns an, wir sehen zurück und dabei entsteht die Chance, dass wir begreifen, wie im so genannten Begriff der Wirklichkeit, Sehender und Gesehenes wie in einem Spiegel verschmelzen und getrennt sind – wir sehen uns selbs
t.

 
   
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